Home > Projekte > Hilfestellung bei der Eingewöhnung eines dementiell Erkrankten innerhalb eines Seniorenzentrums

Mit dem Einzug von Herrn L., einem Bewohner mit einer demenziellen Vorerkrankung, zeigte sich bereits in den ersten Tagen, dass die Eingewöhnung mit besonderen Herausforderungen verbunden war. Menschen mit Demenz benötigen nach einem Umzug häufig Zeit, um sich an eine neue Umgebung, neue Bezugspersonen und veränderte Tagesabläufe anzupassen. Das Pflege- und Betreuungsteam unterstützte Herrn L. daher von Beginn an mit Geduld, Verständnis und einer individuellen Begleitung.

Trotz intensiver Bemühungen verweigerte Herr L. über einen längeren Zeitraum die pflegerische Versorgung sowie die Teilnahme an gemeinschaftlichen Angeboten. Auch Gespräche mit seinen Angehörigen, einfühlsame Erklärungen und motivierende Zusprache führten zunächst zu keiner nachhaltigen Veränderung.

Um die Hintergründe seines Verhaltens besser zu verstehen, wurde gemeinsam mit seiner Tochter eine ausführliche Biografiearbeit durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass Herr L. viele Jahre als Bürgermeister tätig gewesen war. Sein Berufsalltag war von einem hohen Maß an Verantwortung, Struktur und Terminplanung geprägt. Ein Terminkalender gehörte zu seinen wichtigsten Arbeitsmitteln. Darin dokumentierte er sämtliche beruflichen und privaten Termine, um seinen Alltag zuverlässig zu organisieren.

Auf Grundlage dieser biografischen Erkenntnisse entwickelte das interdisziplinäre Team eine individuelle und ressourcenorientierte Unterstützungsmaßnahme. Im Bewohnerzimmer wurde ein Schreibtisch eingerichtet und ein großer Terminkalender platziert. In diesen wurden alle für Herrn L. relevanten Aktivitäten und Pflegemaßnahmen eingetragen, beispielsweise:

· Montag, 07:00 Uhr – Grundpflege mit Pflegekraft Sonja

· Montag, 08:00 Uhr – Frühstück und Medikamenteneinnahme im Speisesaal

· Dienstag, 11:00 Uhr – Spaziergang mit Betreuungskraft Christine

· Mittwoch, 10.00 Uhr _ Gymnastik

· Freitag, 17:00 Uhr – Stammtisch in der Cafeteria

Verweigerte Herr L. zunächst einzelne Maßnahmen oder Aktivitäten, wurde er nicht unter Druck gesetzt. Stattdessen verwies das Team auf seinen Terminkalender. Die dort eingetragenen Termine entsprachen seinem früheren Selbstverständnis und wurden von ihm als verbindlich wahrgenommen. Dadurch akzeptierte er die geplanten Aktivitäten zunehmend eigenständig und nahm sie zuverlässig wahr.

Diese individuell auf seine Lebensgeschichte abgestimmte Maßnahme erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Herr L. konnte sich zunehmend besser im Seniorenzentrum orientieren, gewann Sicherheit im Tagesablauf und ließ notwendige pflegerische Maßnahmen wieder zu. Gleichzeitig stärkte die Orientierung an seinen persönlichen Ressourcen sein Selbstwertgefühl und förderte das Vertrauen in das Pflege- und Betreuungsteam.

Dieses Praxisbeispiel verdeutlicht, wie wertvoll personenzentrierte Pflege und Biografiearbeit in der Betreuung von Menschen mit Demenz sein können. Durch die Berücksichtigung der individuellen Lebensgeschichte und die Orientierung an vertrauten Strukturen gelang es, eine kreative und alltagsnahe Lösung zu entwickeln, die sowohl die Eingewöhnung erleichterte als auch die pflegerische Versorgung nachhaltig unterstützte. Bereits kleine, auf die Persönlichkeit abgestimmte Maßnahmen können dazu beitragen, Sicherheit zu vermitteln, das Wohlbefinden zu fördern und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz deutlich zu verbessern.

Simone Staubach, Einrichtungsleitung Seniorenzentrum Heilig Geist